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Jutta Ronnenberg erzählt

Jutta Ronnenberg gehörte zu den Gründungsmitgliedern des Roringer Heimatvereins und war über Jahrzehnte Beisitzerin im Vorstand. Sie kannte die Geschichten, die sich in Roringen zugetragen haben, wie kaum jemand sonst, und sie konnte sie erzählen: mit Namen und Orten, mit den kleinen Einzelheiten und mit den Sätzen, die die Leute damals gesagt haben, oft auf Plattdeutsch. Sie ist am 4. Oktober 2023 gestorben.

1945 kam sie nach Roringen. Ihr Vater hatte nach der Flucht aus Pommern im Göttinger Wald wieder als Förster Arbeit gefunden, und die Familie hatte in Roringen die Jagdhütte am Ortloh. Für den Heimatverein schrieb sie unter anderem den kleinen Wanderführer durchs Bratental.

In Aufnahmen des Vereins erzählt sie einige dieser Geschichten. Sie stehen hier beisammen und zugleich an den Orten, an denen sie spielen.

Die Elchsichtung

Die Elchsichtung, erzählt von Jutta Ronnenberg 3:46 Minuten Jutta Ronnenberg erzählt, wie um 1955 ein Elch die Kühe auf einer Wiese hinterm Ortloh besuchte. Video: 2021 · Roringer Heimatverein
Abschrift zum Nachlesen

Abschrift nach den Untertiteln des Vereins. Plattdeutsche Sätze stehen im Wortlaut.

Ja, die Roringer Bauern waren sehr eigen und haben dann auch zum Frühjahr alles nachgeguckt, ehe sie das Vieh auf die Weide schickten, dass auch die Zäune in Ordnung waren, und haben dann auch die Kühe rausgetrieben und auch dann nachts stehen lassen, so wie es dann das Wetter erlaubte. Und eines Tages ist dann den Bauer Schulze seine Kühe in der Feldmark wild rumgelaufen, und da haben die Nachbarn, Bauern, die auf den Äckern sich beschäftigt haben, haben dann Schulze Bescheid gesagt: „Du, ich glaube, deine Kühe laufen in der Feldmark rum.“ Ja, Schulze ist hin, ja, das waren seine Kühe, und eine Kuh war auch schon verletzt am Euter durch die, durch den Zaun.

Naja, er hat das alles wieder in Ordnung gebracht, und siehe da, zwei Tage später dasselbe. Schulze wurde benachrichtigt, dass seine Kühe schon wieder in der Feldmark umrannten, und dann ist er hin, und musste ja wohl irgendeinen Grund haben, ne, die Zäune waren in Ordnung, aber eine Kuh war dann schon am Euter verletzt, und das war ihm dann doch ein bisschen zu schlimm für seine Tiere, und hat sich auf die Lauer gelegt, und siehe da, eine Zeit zum Sonnenuntergang erschien auf der Kuhwiese ein Elch mit einem Riesengeweih und hatte dann versucht, bei den Kühen aufzusetzen, und was die Kühe nun mal nicht wollen, das wollen sie nicht,

und dann sind die lieber ausgebüxt und wieder durch den Zaun gerannt. So, nun wusste er das. Dann hatte ein Jäger, der die Jagd da gepachtet hatte, Bescheid gesagt, so und so. Naja, man hat dann erst nochmal versucht, aber es ging nicht, und dann wurde tatsächlich dann dieser Elch erlegt und die Kühe hatten Ruhe. Und noch während der Zeit sind des Öfteren auch die Roringer dann an diese Wiese gegangen und haben dann geguckt, wie dann der Elch aus dem Wald rausgetreten ist und zu den Kühen.

Der wollte sich seine Herde selber zusammenstellen. Aber wie es ist: Was die Kühe nicht wollen, das wollen sie nicht. Und wo ist diese Wiese in Roringen? Oder wo war sie? Gleich hinter dem Ortloh. Da ist sie. Und wann war das ungefähr? Weißt du das auch noch? Ja, wann war das? Wir waren schon in Bremen. Das könnte so 1955 gewesen sein. 1955.

Und die Wiese hinterm Ortloh ist die Wiese? Ja, hinterm Ortloh. Und da stand das Jagdhäuschen, und da war nur eine Straße zwischen, wo dann der Ortloh begann. Und der Ortloh gehört nicht, wie man heute annimmt, Roringen, sondern da gehört der Stadt. Und da war dann auch unser kleines Häuschen drin, wo wir dann 50 Pfennig Miete für bezahlen mussten, wenn wir das benutzen wollten.

Um 1955 auf einer Wiese hinter dem Ortloh. Mehr dazu auf der Seite Elchsichtung.

Das Zicklein von Steinwachs

Das Zicklein von Steinwachs, erzählt von Jutta Ronnenberg 4:54 Minuten Jutta Ronnenberg erzählt von einem Zicklein, das um 1930 die Kinder im Dorf erfreute, aus einem Fenster sprang und nie Osterbraten wurde. Roringer Heimatverein
Abschrift zum Nachlesen

Abschrift nach den Untertiteln des Vereins. Plattdeutsche Sätze stehen im Wortlaut.

Ja, ich möchte jetzt mal eine Geschichte erzählen, die 1930 uns alle sehr hier erfreut und erheitert hat. Die Familie, die kleinen Familien hatten alle hier recht viele Ziegen, vier, fünf, die für den Hausgebrauch benötigt wurden. denn Ziegenschmand und die Ziegenmilch schmeckte genauso gut und war auch sehr gesund. Also gab es hier Kuhbauern und Ziegenbauern und die kleinen Ziegenbauern hatten dann eben ein paar Ziegen mehr. Und so kam es dann auch, dass wenn die Ziegen ihre Lammzeit hatten, dass manchmal zwei

zwei und drei Lämpchen geboren wurden und dann holten sich die Bauern ganz gerne so ein Lämpchen, was sie dann anpütterten und gut behandelten und als einen guten Osterbraten sich eben heranmästeten. Aber diese Bauern hatten auch Kinder und Kinder mögen gerne Tiere. Und so kleine Zicklein sind ganz was Pussierliches.

Und so ein Pussierliches Zicklein hatten nun auch Steinwachs gekriegt. Und Steinwachs hatten ihren Hof, ihr Gehöft, genau gegenüber von der großen Eiche. Und zur Gesellschaft, wenn das kleine Zicklein dann mit Menne und mit Ärmchen mit rauskam, kamen dann auch die anderen Kinder und spielten auch. Das Zicklein lernte über Stöckchenspringen und ja, köttelte auch. Aber es wurde dann auch so, dass sich da schon beinahe zu viele um dieses Böckchen kümmerten. Und es war immer viel Spektakel. Und eines Tages lief dann das Zickchen auch weg, weil eher die Kinder lästig wurden. Und dieses Zicklein

lief dann auf den Nachbarhof, der zwei Gehöfte weiter unten war. Da stand eine Tür offen und diese kleine Zicke sauste dann die Treppe hoch und die Hausbesitzerin, die war immer schon recht derbe, die hat dann gegrölt: „Wat deit denn düsse Zege hier in usem Huse? Rut mit di!“ Unter Fenster oben, das Flurfenster im ersten Stock war offen, was machte das Zicklein, sprang raus auf den Hof. Jetzt standen die Kinder aber schon alle unten auf dem Hof und als das Zicklein raus geflogen kam aus dem Fenster, dachten sie, jetzt ist unser Spielgefährte hin. Aber das Zicklein stand auf, guckte sich um und marschierte weg.

Aber von dem Tag an hatte es eine fürchterliche Angst vor Besen. Und im Stall hat sie sich dann auf das Treppchen gelegt, hat sich immer nur im eigenen Stall und nicht bei fremden Leuten im Stall aufgehalten und hat sich dann auf die Stufen gelegt, die zwei Vorderläufe nach vorne. Heute würde man sagen sie relaxt und das Zicklein ist dann auch alt geworden und dann kam die Zeit, dass es ja nun auch als Osterbraten gemacht werden sollte. Aber ich kann nur sagen, jeder mochte da nichts von essen. Selbst die Mutter, die das so schön

zubereitet hatte zum Osterfest. Sagte: „Ick ete nix davon, ober ok nimmer nix, dat schöne Tier, dat sall man nich noch verdauen.“

Um 1930 auf dem Hof der Familie Steinwachs gegenüber der großen Eiche.

Die Obstbäume am Kirchplatz

Die Obstbäume am Kirchplatz, erzählt von Jutta Ronnenberg 2:06 Minuten Jutta Ronnenberg erinnert sich an ihren ersten Gang zur Kirche 1945, als der Kirchplatz noch voller alter Obstbäume stand. Roringer Heimatverein
Abschrift zum Nachlesen

Abschrift nach den Untertiteln des Vereins. Plattdeutsche Sätze stehen im Wortlaut.

Als ich 1945 das erste Mal durch den vorderen Eingang näher an die Kirche herantrat, die ich als so schön empfunden hatte, wollte ich auch die nähere Umgebung angucken. Auffällig war für mich, dass der ganze Platz voller Obstbäume stand, Die aber doch schon sehr altersgebrechlich waren und ja, als Förstertochter habe ich gesehen, dass die ihr Leben langsam ausgetragen hatten und eben nicht mehr so schön waren.

Ein paar Jahre später hat man diese Bäume mit Herrn Pastor Schiller dann entfernt und hat das, was sie heute hier sehen, an Bucheckern, an Linden und an so schönen Kurzgewächsen und wo man einige Stämme auch hat stehen lassen, um die Glocken drauf zu stellen. Auch das hat seine Tradition, da sind noch die älteren Stämme dieser Obstbäume drin. Und ich gehe dann wieder sofort raus und drehe mich um und erfreue mich meiner schönen Kirche, die ich so liebe.

1945 rund um die Kirche St. Martin.

Der Herr Förster und Emmas Ziege

Der Herr Förster und Emmas Ziege, erzählt von Jutta Ronnenberg 3:01 Minuten Jutta Ronnenberg erzählt von ihrem Vater, dem Förster, und einem Schuss, der nicht nur die Ziege traf. Roringer Heimatverein
Abschrift zum Nachlesen

Abschrift nach den Untertiteln des Vereins. Plattdeutsche Sätze stehen im Wortlaut.

Als der Herr Förster, der das Glück hatte, nach der Flucht aus Pommern hier im Göttinger Wald wieder als Förster arbeiten durfte und wir in Roringen im Jagdhaus die Hütte hatten und wenn er vom Dienst kam, das war in der Nähe der Warte, dann ging er den festen Weg und kam bei Emma vorbei. Emma hatte eine Ziege, die nicht aufgenommen hatte.

Da mein Vater aber sehr leichtsinnig war und eigentlich jeder im Dorf wusste, dass er auch etwas zum Schießen unter seinem Keb hatte, hat dann die Emma gefragt, weil die Ziege nicht aufgenommen hatte, ob er dann nicht bereit wäre, diese Ziege zu schlachten oder zu schießen. „Se hebbt doch so'n Ding to'n Scheiten.“ Ja, na, der Herr Förster dachte, na ja, gut, wenn es denn sein muss, Emma, dann trete aber bitte an die Seite.

Und Emma machte das auch. Die Ziege hatte sie inzwischen rausgeholt und angebunden und der Herr Förster schoss die Ziege in den Schädel. Aber Ziegen haben harte Schädel, weil sie ja ständig sich auch damit boxen und damit wehren und je stärker wird auch der Knochen im Kopf. Da ist die Patrone abgegangen zur Seite und hat Emma gestreift und zwar am Schenkel.

Emma hat ganz tief Luft geholt, als mein Vater dann diese Ziege ausnahm, hat Emma noch mal tief Luft geholt und hat dann ganz vorwurfsvoll gesagt, „Herr Förster, jetzt hebbt Se mi aber ok schoten.“ Der Herr Förster holte tief Luft und sie rappte ihren Rock hoch und man konnte einen kleinen Streifschuss sehen. Der Herr Förster nahm ganz schnell seine Utensilien und ist verschwunden. Er hatte befürchtet, er sollte ihr noch den Schenkel verbinden und das wollte er nicht.

Ihr Vater, der Förster, auf dem Heimweg von der Warte.

Quellen

  1. Mitteilung von Roringer Heimatverein, 17.10.2026: Gründungsmitglied, Beisitzerin im Vorstand, gestorben am 4. Oktober 2023
  2. Jutta Ronnenberg: Geschichten aus Roringen (Videos, Roringer Heimatverein), Herkunft der Familie: „Der Herr Förster und Emmas Ziege“ und „Die Obstbäume am Kirchplatz“

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