Bärwinkelswarte
Immergrün statt Bären –
Die Herkunft des „Bärwinkel“-Namens in Roringen
Die Roringer Warte – ein markanter Wartturm aus dem frühen 15. Jahrhundert – wurde früher häufig bei ihrem Namen „Bärwinkelswarte“ genannt. Auch ein aufrecht gehender schwarzer Bär im Ortswappen verstärkt die Vorstellung, dass hier einst Bären lebten. Doch tatsächlich führt der Name Bärwinkel in eine ganz andere Richtung – in die Pflanzenwelt.
Der Roringer und Germanist Eberhard Rohse fand durch sprachgeschichtliche Recherchen heraus: Der Begriff Bärwinkel ist eine volksetymologische Umdeutung des niederdeutschen Wortes "perwinkel" oder "berwinkel", das nichts mit Bären, sondern mit der Pflanze Immergrün (Vinca minor) zu tun hat.
In einem plattdeutschen Wörterbuch für die "Mundart von Göttingen und Grubenhagen" von 1858 beschreibt der Sprachforscher Georg Schambach Immergrün als "berwinkel". Das Immergrün – ein Symbol für Unvergänglichkeit und Liebe – wuchs früher und auch bis heute in großer Zahl rund um die Warte und wurde in der Ortsgeschichte für Liebesorakel sowie kirchliche Feste genutzt.
„Die heiratslustigen Burschen und Mädchen setzten je ein Blatt des Immergrüns aufs Wasser. Diejenigen, deren Blätter sich trafen und vereinigten, heirateten einander.“
– aus dem "Wörterbuch der niederdeutschen Mundart der Fürstenthümer Göttingen und Grubenhagen" von Georg Schambach (1858)
Auch alte Flurkarten benennen die „Bardewinckels Ward“ bzw. die "Parwinkelß Warthe" und bestätigen diese ursprüngliche Namensform. Die heute gängige Bezeichnung Bärwinkel entstand wohl erst später durch Missverständnisse. Die Wurzel des Begriffs lässt sich sogar bis ins Lateinische zurückverfolgen: vincire bedeutet „binden“, pervincire „zu einem Kranz binden“ – eine Anspielung auf die Verwendung bei feierlichen Anlässen.
Noch bis ins 20. Jahrhundert war es in Roringen durchaus üblich, bei Hochzeiten und Konfirmationen Kanzel, Taufstein und Emporen mit Immergrün zu schmücken. Die Jungen pflückten, die Mädchen banden – ein lebendiges Stück Dorfkultur, das heute fast vergessen ist.
So entpuppt sich der vermeintlich tierische Ursprung des Namens „Bärwinkel“ als lokales botanisch-romantisches Erbe – das uns zeigt, wie eng Sprache, Natur und Kultur einst miteinander verwoben waren.