Roringer Warte: Wartturm der Göttinger Landwehr
Die Roringer Warte ist der Rest eines Wartturms der Göttinger Landwehr. Warten und Landwehren schützten das Vieh der Bauern vor Diebstahl und Verirren, hielten das Wild von den Feldern fern, kontrollierten den Verkehr von und zur Stadt und markierten die Grenze und den Rechtsbereich der Stadt, schrieb Siegfried Ritzkowski.
Göttingen hatte Roringen 1380 gekauft und durfte nach der Urkunde Landwehren graben und Warten bauen. 1406/07 entstand die Warte „by dem berwynkele“ an dem Pass, den die Straße nach Herzberg und Duderstadt durch den Södderich nahm. Ihr Schlagbaum sperrte die Straße; das Seil lief durch einen Schacht an der Nordostseite des Turms. 1419/20 umgab man Turm und Wirtschaftsgebäude mit einer etwa drei Meter hohen Mauer.
- Gebaut
- 1406/07 (andere Angabe: 1408/09)
- Bauherr
- Stadt Göttingen
- Höhe
- etwa 10 Meter
- Durchmesser
- im Mittel etwa 5,2 Meter
- Baustoff
- Kalkstein
- Bewohnt bis
- 1567/68
Vom mittelalterlichen Bauwerk steht nur der Turm ohne Helm. Er besitzt in etwa 1,7 Metern Höhe einen Eingang zum unteren Geschoss mit steinernem Kreuzrippengewölbe, darüber lagen das Vorratsgeschoss und die Wohnung des Turmwächters. Vier Konsolen am oberen Rand deuten auf Erker oder Balkone für den Rundblick.
Bis 1567/68 war die Warte bewohnt, länger als jeder andere Göttinger Landwehrturm; später wohnten Holzhauer dort. 1726 hieß es, sie solle abgerissen werden, und Steine der Mauer dienten dem Wegebau. Dass der Turm beim Straßenbau nicht fiel, verdankt er nach Jutta Ronnenberg dem Umstand, dass die Stadt Göttingen ihr Eigentum geltend machte. Zwischen 1823 und 1836 entstand an der Warte ein Weghaus mit Zollschranke, die 1840 an den Södderich verlegt wurde.
Die Warten der Göttinger Landwehr
Die Roringer Warte war nicht die einzige. Egon Günther zählte 1991 im Kartoffelstein die Warten auf, die Göttingen nach dem Kaufbrief von 1380 baute: In der Fehde von 1387 verbrannte der Herzog die Warten der Stadt auf dem Hainberg und auf dem Lohberg oberhalb von Geismar. Die Hainbergswarte, nach der der Wartberg heißt, wurde sofort wieder aufgebaut. An Stelle der Lohbergswarte entstand 1401 die Hainholzwarte östlich vom Kehr. 1406/07 folgte die Roringer Warte, östlich der Stadt ab 1427 der Bergfried beim Kerstlingeröder Feld, „kesenap“ genannt, und ab 1438 die Hohe Warte oder Rieswarte hinter Nikolausberg. Daneben legte man die Landwehrlinien an. Von allen Göttinger Warten war die Roringer am längsten in Gebrauch, ab dem 16. Jahrhundert meist als Holzhauerwohnung.
Berwinkel, nicht Bär
Warum heißt die Warte Berwinkelswarte, im Volksmund auch Bärwinkelswarte? Eberhard Rohse zeigt im Kartoffelstein: Berwinkel ist plattdeutsch für Immergrün. Das nennt schon ein Wörterbuch der Göttinger Mundart von 1858, das die Warte ausdrücklich erwähnt, und Kämmereirechnungen von 1407/08 sprechen vom „bärwinkele“. Bis heute wächst Immergrün unter den Buchen rund um die Warte. Der Bär im Roringer Ortswappen beruht demnach auf einem Missverständnis; nach Rohse stammt er vom Berliner Bären, den ein aus Berlin stammender Gemeindedirektor in den 1950er Jahren ins Wappen setzte. Mehr dazu auf der Seite Bärwinkelswarte.
Turm, Mauer und Straße im Einzelnen
Siegfried Ritzkowski beschrieb 2017 weitere Einzelheiten. Die lichte Weite des unteren Geschosses dürfte etwa zwei Meter betragen. Eine kleine Öffnung im Kreuzrippengewölbe führt in das mittlere Geschoss, in dem man üblicherweise Lebensmittel und Waffen aufbewahrte. Eine Holzbalkendecke trennte es vom oberen Geschoss, in dem der Turmwächter wohnte. Ein kegelförmiges Ziegeldach krönte den Turm.
Die 1419/20 errichtete Mauer war etwa 54 Meter lang. Das lässt bei einer rechteckigen Form ein umfriedetes Gelände von etwa 15 mal 12 Metern vermuten.
Die mittelalterliche Straße führte in gleicher Höhenlage nach Südsüdosten, etwa auf der Trasse der heutigen B 27. In dieser Richtung fehlt auch der Wall der Landwehr. Die Straße folgte nicht dem heutigen Wirtschaftsweg, der früheren Herzberger Chaussee.
Der Bär im Ortswappen
Der Turm der Warte steht im Gemeindewappen von Roringen, belegt mit einem schreitenden schwarzen Bären. In den Unterlagen zum Wappenantrag von 1949 heißt es, der Entwurf beziehe sich mit Turm und Bär auf die Warte, die auch Bärenwinkelwarte genannt werde. Eberhard Rohse führt den Bären dagegen auf den Berliner Bären eines Gemeindedirektors zurück, der das Wappen in den 1950er Jahren entworfen habe. Beide Angaben passen nicht ohne Weiteres zusammen. Mehr steht auf der Seite „Das Roringer Wappen“.